Familiensaga I

Alles begann 1874 in Berlin-Friedenau:

Am Anfang war Uhrmacher Löbner. April 1874 eröffnete er im frisch gegründeten Friedenau eine Uhrmacherei. Doch der Gründerkrach stoppte Friedenaus Wachstum. Voreilig zog sich Löbner zurück. Die Werkstatt übernahm am 1. Dezember 1974 sein Gehilfe Reinhold Schulze - der Ururonkel der heutigen Familie LorenZ. Sogleich nahm Onkel Schulze den Verkauf von Uhren und Schmuck dazu: Von Anfang an gehören bei LorenZ Verkauf und Kundendienst zusammen.

Friedenau begann zu wachsen. Das kleine und seit 1879 an der Kaisereiche gelegene Fachgeschäft auch – Schulze hatte zur rechten Zeit übernommen. Bald wurde der geachtete Bürger Schulze ehrenamtlich Steuererheber und Standesbeamter von Friedenau. Mangels Rathauses übte Schulze seine Ämter zu Hause aus: „So war es ja nicht, wie die Leute erzählen, dass Schulze die Liebespaare hinter dem Ladentisch traute. Das machte er nebenan in der Guten Stube. Eine Plüschdecke wurde über den Tisch gelegt. Mit amtlicher Miene thronte der herzverbindende Uhrmacher auf einem Sofa. Es war immer feierlich.“ Auch Eheringe waren immer am Lager.

September 1887 stellte Schulze seinen Neffen und Uhrmachergesellen Hans LorenZ ein - und war mit LorenZ so zufrieden, dass er ihm das Geschäft August 1894 übertrug. Mit dem sofortigen Umzug in die Rheinstraße 20 (heute 55) begann der LorenZ-Brauch, sich zu jedem Generationswechsel neu und aufgewertet zu präsentieren. Auch mit der Heirat von Hans und Louise LorenZ im selben Monat begann etwas Typisches: Das erfolgreiche Zusammenwirken von Frauen und Männern über viele LorenZ-Generationen. Im Spätherbst der Kaiserzeit vergrößerte sich LorenZ noch einmal und fand in der Rheinstraße 59 seinen bis heute beibehaltenen Ort.


Nach 1914 wurden Verkäufer und Uhrmacher zum Militärdienst eingezogen. Kaum einer kehrte zurück. So arbeitete Tochter Gertrud von morgens bis abends mit. Bald schon wurde das Wechselgeld in Waschkörben gelagert. Eine Uhr kostet Millionen. Mitten in der Inflations-Zeit kam Alexander Frenzel zu LorenZ. Man hatte sich per (Heirats-)Anzeige kennen gelernt - in Männer und Uhrmacher armer Zeit eine zeitgerechte Notlösung. Als Schüler und Lehrer der Meisterschule für Präzisionsuhrmacherei in Glashütte besaß Frenzel beste Diplome und Patente.

Die renommierteste deutsche Uhrenfabrik, A. Lange in Glashütte, hatte ihm vorzügliche Zeugnisse ausgestellt. Beim Grand Prix de l’Ecole d’Horlogerie in Paris war Frenzel für eine selbst gefertigte Präzisionsuhr mit Gold ausgezeichnet worden. Noch heute schmückt diese Auszeichnung die LorenZ-Fassade. Das alles gefiel nicht nur Hans und Louise LorenZ, sondern auch der Tochter: Noch 1922 heirateten Gertrud und Alexander Frenzel - die Zeitungsanzeige erwies sich als zukunftsträchtige Investition zur rechten Zeit. Schnell wurden die Jungvermählten Mitinhaber, das Geschäft umgebaut und 1924 zum 50-jährigen Bestehen in neuem Glanz eröffnet. Gertrud wurde die Seele des Geschäfts. Und mit Frenzel, dem „Präzisionsuhrmacher aus Glashütte“, war die Werkstatt fortan unschlagbar. So kam man über die wirtschaftlich unsicheren Jahre der Weimarer Republik. Doch der kurze Aufschwung der 30er Jahre endete jäh im Zweiten Weltkrieg. Bald mussten die Schaufenster geräumt und vernagelt werden. Man saß im Bombenkeller - Opa LorenZ und Schwiegersohn blieben bei Vollalarm mit Sand und Handspritze oben. Das erforderte Mut, aber nur so konnten mehrere durch Brandbomben verursachte Brände rechtzeitig gelöscht werden. Das Haus LorenZ in der Rheinstraße 59 überstand den Krieg gering beschädigt.

Mai ’45 kam LorenZ unter den Schutz des Stadtkommandanten. Das US-amerikanische Headquarters European Command interessierte sich für Frenzels Meisterstück - eine selbst gefertigte astronomische Sekundenpendeluhr mit unglaublicher Ganggenauigkeit: Für zunächst 50 RM monatlich gab diese LorenZ-Uhr ab 1948 die Normalzeit direkt an RIAS-Berlin und die Berliner. Als die Blockade aufgehoben wurde, blickte LorenZ auf 75 Jahre zurück - für die treuen Kunden hatte LorenZ seine Schaufenster verzaubert: Mangels Ware wurden aus Frenzels - im Krieg gut verwahrten - Glashütter Beständen die kostbarsten Stücke ausgestellt und eine Geschichte der Zeitmessung präsentiert: Das LorenZ-Jubiläums-Schaufenster von ’49 war eine Sensation - das LorenZ-Uhrenmuseum war geboren.

Wie es weitergehen sollte, wusste niemand. Aus dem sowjetisch besetzten Deutschland hörte man Schlimmes: Alte Glashütter Freunde wurden aus ihren Uhrmacherbetrieben verjagt und standen mittellos auf der Straße: LorenZ half gerne - besonders den alten Inhabern der Firma A. Lange aus Glashütte - und verkaufte versteckt gehaltene Lange-Uhren aus der Vorkriegszeit, schickte Devisen und Pakete. Das war selbstverständlich. Aber drohte nicht auch LorenZ Gefahr? Tochter Brigitte sollte gemeinsam mit Ehemann Herbert Pötschke das Geschäft übernehmen. Beide waren gelernte Gemmologen und hatten sich während der Uhrmacherlehre kennen gelernt. Man zögerte. Endlich wagte LorenZ nach alter Tradition 1961 den Generationswechsel mit Umbau und Neueröffnung: Im August stand der Rohbau. Aber am 13. August 1961 ließ das SED-Regime eine blutige Mauer durch Berlin ziehen.

Viele verließen West-Berlin. Doch was war wichtiger: ein banger August ’61 oder fast 90 Jahre Familiengeschichte? Familie Pötschke blieb, führte den Umbau zu Ende und die Familientradition weiter. Noch im Jahr des Mauerbaus eröffnete LorenZ in neuem Glanz: Auch dies geschah zur rechten Zeit. Denn was zunächst aussah wie eine Verzweiflungstat, erwies sich als solide Grundlegung aller weitern LorenZ-Erfolge. Zum 100-jährigen Bestehen 1974 dankte man den vielen Kunden mit einem großen Fest. LorenZ zählte mittlerweile zu den angesehensten Feinuhrmachern und Juwelieren Berlins: kein Name erstklassiger Uhren- oder Schmuckhersteller, der nicht zum LorenZ-Sortiment gehörte.

Seit dem 9. November 1989 heißt der Wahlspruch der LorenZianer: „Zeit sprengt alle Mauern!“ Dazu mehr im zweiten Teil der LorenZ-Saga.